Vier Pässe für ein Halleluja

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Wochenende im Mai, welches mittlerweile wohl eine Ewigkeit her ist. Ich war damals als Skilangläuferin am Sportgymnasium Oberhof daheim und meine Jugendweihe stand bevor. Es blieb mir nichts anderes übrig, als dieses Event in den Trainingsplan zu integrieren.

Meine gesamte Trainingsgruppe schaffte damals die Räder aus dem Keller und wir brachen mit unserem Trainer und einem Begleitfahrzeug in Oberhof auf. Wir visierten Herrmannsacker an und hatten somit 173 km auf einem Mountainbike auf dem Plan, das zumindest bei mir, nicht optimal passte. Ich mache es kurz: Ich erreichte Herrmannsacker und war auch sehr stolz auf meine Leistung. Ich stolzierte aber auch recht ungelenk am nächsten Tag zu meiner Jugendweihe auf die Bühne. Irgendwie war mir die Freude am Fahrrad fahren vergangen!

Als Skilangläuferin zu meiner Zeit, war das Rad kein wiklich bedeutendes Trainingsmittel und so konnte mein Drahtesel im Keller verbleiben und meine „Abneigung“ gegen das Radfahren gedeihen. Ich kam durchs Leben ohne jegliche Berührung mit dem sportlichen Radfahren und war mit meinem S-Bahn-Radl inklusive Körbchen auf dem Gepäckträger mehr als zufrieden.

Im Feburar 2018 zerstörte ich mir durch eine „Dummheit“ das gesamte linke Spunggelenk. Die Diagnose machte mich sprachlos und nach 16 Wochen Krücken und Spezialschuh, unzähligen MRTs und vielen Arztbesuchen stand fest: Mein sportliches Dasein werde ich wie gehabt nicht mehr halten können.

Mein Kopf steckte erst einmal tief im Sand und ich überhörte den Hinweis „versuchen sie es doch einmal mit Radfahren“ mühelos. Ich musste erst einmal wieder auf die Beine kommen und nach und nach erwachten auch die Lebensgeister wieder in mir. Ich wollte mich bewegen und ganz sicher nicht weiterhin im Selbstmitleid baden.

Andrej lernte ich im Winter kennen und wenn er nicht in der kalten Jahreszeit auf dem Langlaufski steht, dann sitzt er auf einem Rennrad. Er und sein schweizer Umfeld, sind durch die Bank weg mehr als ambitionierte Rennradfahrer. Zu Beginn lächelte ich das konsequent weg, denn bekanntlich vertrat ich die Meinung, dass der breite Sattel meines S-Bahn-Radls das Nonplusultra war und damit zum Biergarten zu cruisen, die tollste Erfindung überhaupt. Nun war aber genau dieses bequeme S-Bahn-Radl nicht gut geeignete für meinen sportlichen Neuanfang. Das Rad-Angebot von Andrej seinem besten Freund Patrick erreichte mich demnach genau im richtigen Moment.

Als das Rennrad erstmals vor mir abgestellt wurde, traute ich meinen Augen kaum: Was hatte ich erwartet – einen rostigen Drahtesel mit Klingel am Lenker? Wahrscheinlich. Wenn Dir jedoch ein Sportler sein Rennrad anbietet, der mehrere Rad-Marathons in der Saison fährt und der jeden bekannten Pass mit dem Rennrad bereits erfahren hat, dann bekommst Du defintiv keinen Drahtesel zu Verfügung gestellt. Plötzlich saß ich auf einem wunderschönen, matt schwarzem Scott Foil. Ein Voll-Carbon-Aero-Rennrad mit ZIP 404 Felgen und Dura Ace Komponenten. Ich war plötzlich der am besten ausgestatteste Anfänger weit und breit.

Ich fuchste mich rein und roch Lunte und es brauchte keine zwei Fahrten und ich war angefixt… ich wollte diesen Sport. Wir verbrachten jeden freien Tag auf dem Rennrad und es ging step by step voran. Im Sommer 2019 entschieden wir uns für die ersten Veloferien.

Nachdem wir zunächst ein paar Tage in Nals verbracht haben, waren die Dolomiten unser Ziel und wir nahmen uns die berühmte Sella Ronda vor. In Colfosco fanden wir ein muckeliges Hotel mit der fantastischen Berkulisse direkt vor der Haustür. Wir richteten die Räder und das Ganze Drum und Dran für den nächsten Tag und bereits am Abend steig bei mir die Aufregung.

Als der Startschuss am nächsten Morgen fiel, stieg ich mit einem Puls von 140 Schlägen vor lauter Nervosität aufs Rad. Die Sella Ronda, für mich als Anfänger, erinnerten das Streckenprofil an das Maul eines Haifisches. Vier spitze Zähne erwarteten mich – vier Berge und ich bin in meinem Leben erst zwei Pässe gefahren und das war übrigens vorgestern. Ihr kennt ja so typische Passstraßen: Haarnadelkurven schmiegen sich an den Berg an und die Straße schlängelt sich Kurve und Kurve hinauf. Die 57 Kilometer teilen sich zeimlich genau auf – ca. 25 km geht es berghoch und auf der anderen Seite wieder runter. Nix flach, nix bummeln.

Der Campalonga ist der kürzeste und die fünf Kilometer spulten wir routiniert ab. Gleich danach das Pordoijoch mit satten neun Kilometer Länge. Wir kraxelten rauf und die Bergwelt, die uns umgab war einfach unfassbar. Auf der anderen Seite runter und direkt rein ins Sella Joch und damit der „Brocken“ dieser Tour. Er macht es mir mit durchschnittlich 10% Steigung auf knapp sechs Kilometer Länge nicht einfach. Noch nie bin ich zuvor einen Berg gefahren, der auf Dauer so steil war und das war immerhin Pass Nummer drei für heute. Die Beine brannten, aber sobald ich mich hier umschaute, durchflutete mich Stolz. Also rauf da! Oben angekommen, schloss sich gleich nach der Abfahrt das Grödnerjoch an. Die letzten sechs Kilometer bergauf. Die Passhöhe war in Sichtweite, die Berge beeindruckten, das Ziel war nicht mehr weit. Als wir oben über den Pass rollten, klatschten wir ab und ich platzte fast vor Stolz.

3 Stunden stetiges Treten lagen hinter mir und ich hätte es vorab nie geglaubt: Mit diesem Sport habe ich nach der schweren Spunggelenksverletzung wieder etwas für mich gefunden. Der Sport gibt mir unheimlich viel Kraft, er fordert mich, er macht mich happy. Ich mag es mich herauszufordern und eine Etappe nach der nächsten zu meistern. Was ich aber ganz klar sagen muss: Ich habe einen Edelhelfer an meiner Seite! Hätte Emanuel Buchmann so einen zur diesjährigen Tour de France gehabt, hätte er nicht so einsam kämpfen müssen.

Die Diagnose hatte mir Angst gemacht und ich habe ein paar Wochen lang nicht gewusst, wie ich mich zurück finden soll. Ich habe gekämpft, großartige Unterstützung gehabt und diese auch dankend angenommen und nun bin ich zurück in einem ganz neuen Sport. Manchmal muss man einfach den Mut für etwas ganz Neues haben! Ich bin gespannt darauf, welche Etappen noch auf mich warten und freue mich bereits jetzt auf jeden folgenden Kilometer, wohlwissen das ich diesen Gedanken sicherlich an so manchem Pass verschimpfen werden.

6 Kommentare bei „Vier Pässe für ein Halleluja“

  1. Freu mich für dich/euch !!!!
    Bin gespannt auf den nächsten Bericht 💪🏻

  2. Super cooler Bericht 🙂 Rennradfahren, die schönste Nebensache oder für mich Hauptsache 😉 der Welt! Vorfreude ist die schönste Freude, so trainiere auf dem Rollentrainer und den Langlaufski und die Sellaronda, das Stilfserjoch und alle weiteren Pässe, die auf Dich warten, werden zum Genuss. Gruss vom TOKOLUKE

  3. Member Danistiefstapler Team sagt: Antworten

    Freue mich schon auf die nächste Ausfahrt, so unter „Foilern“. Weiter so…

  4. Sehr schön geschrieben 😇 wir werden dann wohl gemeinsam eher die Flachetappen angehen 😉

  5. Das ist wirklich ein schöner bericht und spannend!
    Weiterhin viel Spass und hoffentlich können wir im Sommer mal zusammen eine schöne Tour machen 😅!

  6. Lorenzo der Roller sagt: Antworten

    Wie die Geschichte wohl weitergeht…?! Da gibts noch den Tour-Magazin Pass-König… Zeit für eine Königin!!!

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