Hängengeblieben bei Gede

Mit dem Zielflughafen Ambon erreichte ich 2017 die Molukken und ab hier hatte ich nur noch einen groben Plan. Ich wollte gleich am nächsten Tag nach Saparua aufbrechen und wusste weder wie das genau funktionierte, noch hatte ich dort bereits ein Bett.

Als einzige weiße Langnase weit und breit, zog ich in jeder Situation die Aufmerksamkeit der Locals auf mich. Mit deren Hilfe erreichte ich die Hotspots der Stadt Ambon, kam am nächsten Morgen zum Hafen und erhielt dort beim Kaffee auch einen Tipp zur Übernachtung in Saparua. Indonesien hatte es wieder einmal für mich gerichtet. Die Insel erreichte ich mit dem Boot, stieg direkt um auf ein Mopedtaxi und machte mich auf den Weg zu der kleinen Bucht, die mir beim Kaffee am Hafen empfohlen wurde. Wir fuhren weit über die Insel und als der Fahrer in das Dickicht zeigte, wusste ich zuerst nicht auf was ich achten sollte. Ich erblickte dann aber zwischen all dem Grün ein Dach und wurde mittels Hupen angekündigt.

Vor mir lag ein kleiner Garten, Bungalows reihten sich aneinander und ein schmaler Weg zeigt mir wohin ich gehen musste. Ich ging diesen entlang und von jetzt auf gleich stellt sich ein Bauchkribbeln bei mir ein. Dieser Ort war eine ganz ruhige Seele und inmitten der vielen Palmen und zwischen bunten Blättern der Drachenbäume, konnte ich diese sofort fühlen. Mit jedem Schritt hatte ich das Gefühl wie Alice das Wunderland zu betreten: Handteller große, bunte Blumenblüten, saftig grüne Pflanzen, große bunte Schmetterlinge die wie fliegendes Pergamentpapier wirkten und der Blick auf einen kleinen, ganz wunderbaren Strand und das Meer. Für mich fühlte es sich dort wie heimkommen an! In diesem Moment brauchte ich genau diesen Ort. Diese kleine Hippiebude hatte ich in Mopsgeschwindigkeit ins Herz geschlossenen. All das urige Drum und Dran, die Mummelecke mit all den Kissen auf den dicken Holzplanken, die bunten Tücher, die krumm und schiefen Traumfänger und Kokosmasken die hier von der Decke baumelten. Diese riesigen saftig grünen Pflanzen, der schneeweiße Sand mit den alten Stühlen in der Sonne und das Meer nur ein paar Schritte entfernt. Somit fand ich meine Unterkunft bei drei Locals. Von jetzt auf gleich wurde ich entschleunigt und es fühlte sich unfassbar gut an.

Ich tat das, was man als Reisende so tut: Ich erkundete die Umgebung, genoss die Natur, unterhielt mich mit den Menschen die um mich herum waren und fand meinen Lieblingsplatz. Auf einer Holzbank drapierte ich große Kissen, über mir baumelt eine Kokosnuss, in die eine Maske geschnitzt war und neben mir hing ein schiefer aber ganz wundervoller Träumfänger. Hinter mir liefen kleine Wellen auf den Strand. Dort lag ich und las. So oft es ging ließ sich Gede nehmen mir auf die Bank fallen und leistest mir Gesellschaft. An diesem Ort hatte ich Ruhe gefunden und fühlte mich so wohl wie selten irgendwo nach so kurzer Zeit.

Ich hatte ursprünglich nur zwei Tage auf Saparua geplant und am Abreisemorgen saß ich bereits um 5 Uhr in der Früh am Strand. Anschließend krabbelte ich an meinen Lieblingsplatz und holte dort noch ein wenig Schlaf nach, bis mir der Geruch von Gede´s leckeren Pancakes in die Nase stieg. In der Nacht war mir etwas klar geworden: Ich wollte einfach nicht abreisen. Ich wollt dort bei den drei Locals bleiben!
Ich schmiss meine gesamten Pläne hochkant über Board und blieb an diesem Ort, den ich so sehr ins Herz geschlossen hatte.

Meine Nicht-Abreisen schweißte mich eng an die drei Locals und besonders an Gede. Sie zeigten mir Ihre Insel, ließen mich an Ihrem Leben teilhaben. Die Kinder aus dem kleinen Dorf Kulur kamen vorbei und während ich etwas von Ihnen lernte, freuten sie sich, die Zeit mit einer weißen Langnase zu verbringen. Ich half bei den täglichen Arbeiten, wir pflegten den Garten, gingen Fischen, tranken Sopi, wir kochten auf dem offenen Feuer und dennoch saß ich jeden Abend allein beim Essen. Ich suchte das Gespräch und sie erzählten mir, dass sie sich nicht trauten mit mir gemeinsam an einem Tisch zu essen. Ich beließ es dabei, erzwingen konnte ich es nicht. So vergingen die Tage und ich liebte es, dort mittlerweile ein Teil geworden zu sein. Eines Abends trugen sie wie gewohnt das Essen wieder für mich auf. Wie immer gingen sie zurück in die Küche und ich sah ihnen einmal mehr nach. Da saß ich wieder einmal, mutterseelenallein in meinem Paradies. Kurze Zeit später, kamen die Locals jeder mit einem Teller in der Hand und setzten sich zu mir. Wir aßen tatsächlich zusammen. Es mag blöd klingen und vielleicht nicht nachvollziehbar sein, aber für mich war es ein sehr schöner Moment. In diesem Augenblick, verstand ich, was Vertrauen ist!

Die Tage vergingen und wurden immer damit geschlossen, dass am Abend gekocht wurde. Von meinem Lieblingsplatz aus, hatte ich einen guten Blick in die Küche und von dort führte ein Aufgang in die Räumen, in denen die Locals schliefen. Ich schielte um die Ecke und Gede erlaubte mir hochzugehen und mich in seinem Zimmer umzusehen. Ich traute mich, stand in seinem kleinen Reich und musste mich auf dem Rückweg sehr um mein Lächeln bemühen. Ein schmales, kleines Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden. Seine Kleidung bewahrte er in einem Holzschränkchen auf, dass so groß war, wie mein Skischuhrucksack. Das wars! Ich stand da und war unfassbar traurig wie wenig dieser Mensch hatte und doch strahlte er über das ganze Gesicht, steckte mich damit Tag für Tag an und war an diesem Ort unheimlich glücklich. Mit dem zufrieden sein, was man hat, ist wahrer Reichtum! Das war wohl die Lektion, die ich in diesem Moment lernen durfte. Dieser Ort ging mir unter die Haut. Diese Menschen besaßen selbst nicht viel, teilten jedoch alles was sie besaßen mit mir. Ich wünschte ich könnte nur ansatzweise beschreiben wie sich das anfühlte! Ich war mittlerweile ein fester Bestandteil in ihren Tagen geworden und doch kam irgendwann der Tag, an dem ich die Abreise nicht weiter hinausschieben konnte. Ich hatte einen Flug auf die Kei Islands geplant. So verabschiedete ich mich schweren Herzens von Gede, Satar und Pak Mo und zog weiter.

Auf den Kei Islands zu reisen, war wie in einem erstklassigem Hochglanzmagazin für perfekte Strände zu blättern. Es war ein wahrgewordener Traum und ich steckte die Füße an wirklich wunderschönen Orten in den Sand, lernte tolle Reisende kennen und genoß wundervolle Tage. Ganz sicher werde ich auch für diese Reise einen Artikel schreiben, sobald die Gedanken im Kopf reif dazu sind. Das Heimweh nach meiner kleinen Bucht auf Saparua, begleitete mich jedoch nach Abreise jeden Tag.

Nachdem ich die Kei Islands wieder verließ, hatte ich noch zwei Tage Zeit, bis der Heimflug zurück nach Deutschland anstand. Ich hatte diese Tage ursprünglich für Ambon geplant. Nach den Erlebnissen der letzten Wochen, stand mir jedoch der Kopf so gar nicht nach Stadt und Hotel. Als der Flieger in den Sinkflug ging und wir Ambon anpeilten, das Flugzeug sich zur Seite neigte und mein Blick über das tiefblaue Meer schweifte, wusste ich ganz genau wohin ich reisen wollte.
Am Flughafen angekommen hatte ich nur ein Motto: Jetzt aber flinke Hufe, denn ich musste ein Boot erreichen. Ich stieg in ein Auto, erklärte mein Vorhaben und von jetzt auf gleich war Kampflinie angesagt. Die meiste Zeit fuhren wir auf der falschen Straßenseite, der Blinker blinkte ununterbrochen. Wir hupten energisch.
Den Drehzahlmesser konnte ich nicht sehen, aber den Motor dafür deutlich hören. Ich war mir sicher die Nadel kratzte kontinuierlich am roten Bereich. Der Fahrer berichtete noch, dass das Auto zum Ölwechsel muss, der Motor würde nicht so gut klingen. Ich konnte es mir nur schwer verkneifen zu sagen, dass der dritte Gang eine verdammt gute Wahl wäre.
Wir schossen kurz vor knapp auf den Parkplatz am Hafen und ich rannte aus aus dem Auto, zum Schalter und tatsächlich ergatterte ich noch ein Ticket. Auf „nach Hause“.

Wie bereits bei meiner ersten Ankuft, kündigte mich das Mopedtaxi durch hupen an. Die drei Locals kamen in den Garten und schauten zunächst skeptisch. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierten, mir anschließend ein breites, schönes Grinsen schenkten und mich herzlich begrüßten. Ich bezog umgehend meinen Platz, genoss meine kleine Lieblingsbucht, sah aufs Meer und ließ meine Seele wieder im Saparua-Rhytmus schweifen. Willkommen daheim.

Ich habe leider keine Möglichkeit gefunden die Zeit anzuhalten oder zumindest langsamer laufen zu lassen. Nachdem sich im kleinen Dorf Kulur rumgesprochen hatte, dass ich wieder da war, war die Freude natürlich groß. Ich genoß eine wundervolle Zeit, aber wie so oft verging sie zu schnell. Der Abschied kam und ich hatte einen riesigen Klos im Hals. Es war ein tränenreiches Lebewohl und ich habe ein großes Stück meines Herzens in dieser wundervollen Bucht und bei Gede, Satar und Pak Mo gelassen.

Auch wenn ich auf dieser Reise keine Gipfel erklommen habe oder Bear Grill-mäßig durch den Busch gerobbt bin, so habe ich andere Erfahrungen sammeln dürfen und eine Welt kennengelernt, die so ursprünglich war, dass ich nicht weiß wie man der westlichen Welt davon erzählen sollte. Meine Abenteuer auf den Molukken waren die Menschen, die mich einmal mehr herzlich aufgenommen und mich zu einem Teil ihres Lebens gemacht haben.
Ich ging mit einem Rucksack voller wunderschönen Erinnerungen, mit lieben Menschen im Herzen und einer ganz großen Portion „Fernweh“ nach Indonesien. Ich bin wieder um unbezahlbare Dinge reicher geworden und werde mir die Erinnerungen auf ewig konservieren.

Gede ist bis heute ein Freund!

Ein Kommentar bei „Hängengeblieben bei Gede“

  1. Ein wirklich tolles emotionales Reiseerlebnis. Es macht große Lust auf eine Reise in dieses Paradies und ich freue mich auf mehr Geschichten und Erlebnisse von dir in deinem Blog 😘

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